Von Gottessehnsucht und Sterbehilfe – Volker Schunck

Ursprünglich hatten die Menschen 2 Köpfe, 4 Arme und 4 Beine, die an einer Kugel befestigt waren. Doch sie wurden übermütig und wollten sich einen Weg zu den Göttern bahnen. Diese haben sie dann in zwei Teile gespalten, sodass die Menschen so aussahen wie wir heute. Jeder ist jetzt auf der Suche nach seiner verlorenen Hälfte.

Dieser Mythos wird von Platon in seinem „Symposion“ („Gastmahl“) erzählt und soll erklären, woher die Sehnsucht des Menschen nach dem Partner oder der Partnerin kommt. Wir kennen heute noch den Satz: „Dies ist meine bessere Hälfte.“, wenn man seinen Partner oder seine Partnerin vorstellt.

Es gibt eine Sehnsucht, die auf den ersten Blick nur jemand verstehen zu können scheint, der an Gott glaubt. Es gibt eine Sehnsucht nach Gott, die unabhängig von den bestehenden Lebensumständen ist. Die Menschen auch dann empfinden können, wenn es ihnen augenscheinlich gut geht. Die so stark ist, dass weder Wohlstand noch Liebe zu einem anderen Menschen sie zu stillen vermögen.

In Psalm 42 wird diese Sehnsucht so beschrieben: “Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.”

Subtil empfindet jeder Mensch, egal ob er an Gott glaubt oder nicht, diese Sehnsucht. Ob uns das bewusst ist oder nicht. Es ist die kreatürliche Sehnsucht nach Gott, dem Urgrund unseres Seins, die wir zu befriedigen suchen, wenn wir Gott in den Dingen suchen: in Autos und Handys, in Kaffeemaschinen und Computern, in allem, was das Herz begehrt und was man kaufen kann. Auch unsere Gier nach Erfolg, Macht und Ansehen kann diese Sehnsucht nicht stillen. Und unsere „bessere Hälfte“, wenn wir sie denn einmal gefunden haben, kann das auch nicht. Und daher fliehen wir auch meistens vor der Stille, um unsere innere Leere, den Hunger nach Sinn, nicht zu spüren.

Es ist paradox. Auf der einen Seite sagt Jesus zu seinen Jüngern: Das Reich Gottes, also der Himmel auf Erden, ist in euch. Auf der anderen Seite lässt Jesus uns im „Vaterunser“ darum bitten, dass Gottes Reich kommt: „Dein Reich komme.“ Gott selbst ist in uns angebrochen wie der neue Tag, aber wir sind noch Teil der materiellen, sichtbaren Welt. Wir haben Hunger, Durst, müssen essen und trinken, und können kein rein geistig-geistliches Leben führen.

Es ist paradox. Mit dem einen Bein stehen wir schon im Himmel, mit dem anderen noch in dieser Welt. Und das wird sich auch nicht ändern, egal wie fromm und gottesfürchtig wir sein mögen. Es ist nicht besser oder frömmer im Kloster oder in der einsamen Waldhütte eines Eremiten zu leben, als… was weiß ich: in Sankt Pauli auf der Reeperbahn oder in einem Slum – mitten unter den Menschen.

Was ich jetzt sage, klingt nach Harakiri oder muslimischen Selbstmordattentätern, aber diese Sehnsucht hört erst dann auf, wenn wir, wie man in alten Zeiten sagte: „vom Glauben zum Schauen gekommen sind“. Auf Deutsch: Diese Sehnsucht hört erst dann auf, wenn wir tot sind.

Paulus schreibt: „Ich habe Lust zu sterben, um bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre.“ Das klingt nach Todessehnsucht und Vertröstung auf ein Jenseits, in dem alles besser ist. Doch er schreibt weiter: „aber es ist nötiger am Leben zu bleiben um euretwillen.“ (frei nach Phil 1,23-24).

Paulus „sieht das ganze Bild“ (Phoenix). Er lebt zwar noch in dieser Welt, aber hat auch schon die Dimension der Ewigkeit „geschmeckt“.

Christinnen und Christen brauchen deshalb keine Angst vor dem Tod zu haben, weil sie „das ganze Bild sehen“. Wir müssen nicht unser Heil im Fortschritt der Apparatemedizin suchen, oder denken: je länger ich lebe, desto besser – es kommt ja sowieso nicht auf die Länge, sondern auf die Tiefe des Lebens an – nein, im Gegenteil: seit Gott Jesus in die Dimension des ewigen Lebens auferweckt hat, hat der Tod seinen Schrecken verloren. Dieses Wissen treibt uns aber nicht aus dieser Welt hinaus, sondern gerade in die Welt hinein. Der Glaube an ein Leben nach dem Tod, befähigt uns vertrauensvoll, ein Leben vor dem Tod zu leben.

Aber was ist, wenn das Leben nicht mehr lebenswert erscheint? Wenn die Hoffnung auf Leben vom Gehirntumor weggefressen ist? So drastisch muss ich das hier formulieren, weil es so drastisch ist.

Die offizielle Meinung der Kirchen ist bekannt: „Du sollst nicht töten.“ Am „grünen Tisch“ kann man das schön sagen. Das ist so, als wenn man mit vollem Bauch über die Kürzung des Etats für Entwicklungshilfe diskutiert. Wie es dann ist, wenn man selber betroffen ist, hat die Äußerung des kürzlich zurückgetretenen Präses der evangelischen Kirche Nikolaus Schneider gezeigt, der seine krebskranke Frau begleiten will, falls sie, um ihr Leiden zu beenden, die Sterbehilfe in der Schweiz in Anspruch nehmen sollte.

Spricht man unter vier Augen mit Altenpflegern und Altenpflegerinnen, mit Schwestern und Pflegern in Krankenhäusern oder Hospizen, erfährt man unter der Hand, dass da keiner ist, der da so liegen möchte. Lieber schon tot sein, als so zu sterben, als so dazuliegen in Windeln, hilflos ausgeliefert wie ein Kind. Verstopfung haben von den Schmerzmitteln und müde sein von zerbrochenen Hoffnungen.

Das will keiner.

Aber ab wann kann man sagen: jetzt ist es genug? Wenn ich an meine Mutter denke, die durch Krebs gestorben ist, fällt mir auch ein, wie furchtbar es war, hilflos dort am Bett zu sitzen. Die Angehörige eines Sterbenden im Hospiz hat mir mit schlechtem Gewissen gestanden, dass sie sich wünscht, dass ihr Freund doch schon tot wäre, weil sie einfach nicht mehr konnte. Ein Jahr später ging es mir ähnlich. Und doch… Ich möchte keine Minute dieser harten und intensiven Zeit missen.

Mir geht es wie den erwähnten Pflegern und Schwestern. Wenn ich daran denke, ich selbst hätte wie der Autor Wolfgang Herrndorf („Tschick“), der wie ich 1965 geboren worden ist, einen unheilbaren Gehirntumor, würde ich mir vielleicht auch das Leben nehmen, wie er es 2013 getan hat. Aber das sind nur theoretische Überlegungen. Ich sehe diese Option. Ob ich sie dann aber wirklich ergreifen würde, weiß ich nicht. Sollte ich jemals in eine solche Situation kommen, und ich könnte mich dann noch selbst entscheiden, werden meine Eltern und all die Menschen, die ich im Hospiz kennengelernt habe, vor meinem inneren Auge vorbeiziehen, die den Todeskampf, der der Kampf des Lebens ist, tapfer bis zum Schluss gekämpft haben. Ich weiß nicht, ich glaube, ich kann dann mein Leben nicht selbst beenden. Das Tröstliche am Tod ist seine Gewissheit. Er beendet selbst den längsten Todeskampf. Er ist das Ende des Leidens.

Ich habe zwar selbst keinen Fernseher mehr, aber ich weiß wie sich die Diskussions”kultur” im Fernsehen gestaltet und habe über andere Medien die Diskussionen mitbekommen. Es ist schon traurig, wie über so ein zentrales Thema wie “Sterbehilfe” gesprochen wird.

Mittlerweile ist die gesellschaftliche Massenmeinung derart gegen die Kirchen eingestellt, dass, wenn in Talkshows Kirchenvertreter/innen wie Bischöfe oder Pfarrerinnen frei ihre innere Überzeugung kundtun, sie nicht nur belächelt und angefeindet werden, sondern deren Positionen unter dem Deckmantel der Toleranz sogar als intolerant und unmenschlich dargestellt werden. Auf die Idee, dass auch andere Meinungen hörens- und bedenkenswert sind, kommt man erst gar nicht. Auf diese Weise werden selbst hochintellektuelle und honorige Männer und Frauen öffentlich verheizt. Der Entscheidungsfindung sind solche Diskussionen nicht gerade dienlich.

Was bedeutet es, wenn wir offiziell die aktive Sterbehilfe per Gesetz erlauben, allgemein gesellschaftlich, nicht nur für unseren Umgang mit den Sterbenden, sondern auch mit den Lebenden? Werden nicht gerade Krankheit, Leiden, Alter und Tod, dadurch nicht immer weiter tabuisiert und verdrängt, und wird der Wert des Lebens selbst dadurch nicht immer weiter relativiert und eingeschränkt auf “jung, dynamisch, gesund und vital”? Wir führen eine ähnliche Diskussion bei der pränatalen Diagnostik, wo man per Voruntersuchung feststellen kann, ob ein Kind mit einer Behinderung wie Downsyndrom zur Welt kommen wird. Wir sind so auf dem “besten” Weg, einen Standard für Leben festzuschreiben. Auch wenn es viele nicht mehr hören können: das hatten wir schon mal.

Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der es nicht mehr die Vielfalt der Facetten des menschlichen Lebens gibt. Was ist das für eine Gesellschaft, die voraussichtlich behinderte Menschen genetisch aussortiert und abtreibt, und die Krankheit und Alter nicht mehr ertragen kann? Mit Sicherheit alles andere als eine menschliche.

Humanes Sterben bedeutet nicht, den Menschen vor seinem natürlichen Tod, an irgendwelche Einrichtungen, die den Todeszeitpunkt vorziehen, abzugeben. Humanes Sterben bedeutet aber auch nicht, den Todeszeitpunkt durch eine hochgezüchtete Apparatemedizin unnatürlich in die Länge zu ziehen, wenn der Tod absehbar ist. Nicht, leben um jeden Preis.

Humanes Sterben wird von der Hospizbewegung durch eine hochmoderne Palliativtherapie (Schmerztherapie) und menschliche Begleitung bis zum Schluss unterstützt. Du bist nicht allein. Dein Leben, du selbst, bist mir wertvoll bis zum Tod.

Das Sterben ist auch im Hospiz nicht “schön” oder “angenehm”. Aber das Sterben ist – wie die Geburt – Teil des menschlichen Lebens. Und hier im Hospiz darf es das noch sein.

Volker

I am Volker Schunck and live in Dresden, Germany. First I was an industrial clerk, then I studied theology. Through my engagement with Zen, I became aware of the Christian mysticism. Meanwhile, I go my own way. For me, faith is not a world-view but a being. It is important to me, not to live lost in thought but aware and intensely. For me, this also includes careful handling of other people. The NVC (Nonviolent Communication), which I learned during my training as a mediator, helps me with this.

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