Ukraine Krieg – Volker Schunck

Kyiv Pechersk Lavra (or: Kyiv Monastery of the Caves) (pixabay.com)

Was momentan in der Ukraine passiert, bricht mir das Herz! Ich kann kaum Worte finden, wie tief mich der Angriff Russlands auf die Ukraine, die unsere europäischen Werte „Demokratie“ und „Freiheit“ mit Händen und Füssen verteidigt, berührt. Alte Frauen, die Molotowcocktails anfertigen, Kinder, die Waffen aus Legosteinen bauen, Väter, die ihr Heimatland und ihre Familien mit dem Mut der Verzweiflung verteidigen und für sie in den Tod gehen. Traumatisierte Frauen und Kinder, die zu Hunderttausenden durch ein feindliches Land irren, das einst ihre Heimat war.

Die UN rechnet mit bis zu 1,5 Millionen Flüchtlingen, die größte Flüchtlingswelle seit dem Ende des 2. Weltkriegs. Dem gegenüber steht ein skrupelloser Diktator, der jegliches internationales Recht mit Füssen tritt und mit dem Westen spielt wie er will. Er bietet Flüchtlingskorridore an, die keine sind, weil sie vermint sind und beschossen werden, während er zeitgleich in diplomatischen Gesprächen vorgibt, an einer Friedenslösung interessiert zu sein.

Durch den Angriff auf ein demokratisches Land in Europa, ist Europa schon längst Teil des Krieges, auch wenn es das offiziell nicht wahrhaben will. Was spielt es für eine Rolle, ob die Ukraine völkerrechtlich gesehen Teil der NATO oder der EU ist, wenn unschuldige Menschen abgeschlachtet werden, wenn Kulturgüter unwiederbringlich zerstört werden und eine atomare Katastrophe droht, wenn Atomkraftwerke beschossen werden, ohne Rücksicht auf die ungeahnten Konsequenzen?

Wenn ich in der Straßenbahn sehe, wie eine Frau von einem Mann belästigt wird, ist ihre Nationalität auch kein Kriterium dafür, ob ich ihr helfe oder nicht. Es ist ein Gebot der Menschlichkeit, dass ich ihr helfe. Aber zieht der Angreifer eine Pistole, sieht die Situation schon anders aus. Da sind andere Fahrgäste, die mit bedroht sind. Da der Angreifer skrupellos ist und jenseits von Sinn und Verstand über Leichen geht, liegt es an mir, klug und mit kühlem Kopf zu handeln. Ich kann versuchen, ihn im Gespräch von seinem Vorhaben abzubringen, etwas Unüberlegtes zu tun. Ich kann mir Verstärkung durch andere Fahrgäste holen, jemanden bitten, die Polizei zu rufen, und ich kann die Notbremse ziehen, deren Gebrauch Chaos verursachen kann, und was die ganze Situation möglicherweise außer Kontrolle geraten lässt. Oder ich kann auf Zeit spielen, versuchen dem bewaffneten Angreifer die Aussichtslosigkeit seines Tuns vor Augen zu führen, da die anderen Fahrgäste ebenfalls bewaffnet sind und vor nichts zurückschrecken. Es besteht natürlich die fast unwahrscheinlich wirkende Möglichkeit, dass der Angreifer einen Anruf von seiner Mutter bekommt, die ihn wieder zur Besinnung bringt, oder dass er einen Herzinfarkt erleidet.

Wie in der von mir konstruierten Situation, spielt die NATO momentan auf Zeit. Sie kann nicht so handeln, wie es in einer einfachen Notfallsituation die Menschlichkeit gebietet, sondern versucht mit allen Mitteln der Diplomatie und durch Sanktionen, Putin von seinem Krieg abzubringen. Vielleicht wird er von einflussreichen Oligarchen und dem Militär gestürzt oder umgebracht, worauf man aber kurzfristig kaum hoffen kann. Währenddessen sterben Tausende von unschuldigen Menschen. Das ist bitter!

Wie passt da die christliche Ethik hinein? Wie passt „Liebe deinen Nächsten“ (Mt 22,39) und „Wenn dir einer auf die linke Backe schlägt, halte ihm auch die andere hin.“ (Mt 5, 39) dort hinein? Gar nicht. Wenigstens dann nicht, wenn wir leben wollen. Wir wissen, wohin Jesus seine Gewaltlosigkeit geführt hat: ans Kreuz. Das ist nicht nur höchst menschlich, sondern das ist die Entfaltung der göttlichen Liebe in einer Welt von Hass und Machtgier. Aber wir sind nicht Jesus. Wir sind in eine Gemeinschaft von Menschen gestellt und füreinander verantwortlich.

Das Liebesgebot Jesu wird pervertiert, durch die Passivität eines Vaters, der die Waffe am Kopf seines Kindes sieht und nichts tut, obwohl er den Angreifer zum Wohle seines Kindes erschießen könnte, es aber nicht tut. Das ist m.E. Feigheit und Schwäche und hat nichts mit dem Liebesgebot Jesu zu tun.

In diesem Horizont ist auch das misslungene Attentat am 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler von Klaus Stauffenberg zu sehen. Dietrich Bonhoeffer, Teil der Bekennenden Kirche und des Widerstands gegen den Nationalsozialismus, wusste davon.

Es ist naiv, wie die Friedensbewegung, mit ihrem Slogan „Schwerter zu Pflugscharen“, der aus Micha stammt und eine Vision des zukünftigen Gottesreiches ist, Weltpolitik machen zu wollen. Das Reich Gottes ist zwar in Jesus angebrochen, doch noch nicht erfüllt, und findet seine Verwirklichung nicht durch das einseitige Abrüsten eines Volkes.

„In den letzten Tagen aber wird der Berg, auf dem Gottes Haus steht, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben. Und die Völker werden herzulaufen, und viele Heiden werden hingehen und sagen: ‚Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des Herrn gehen und zum Haus des Gottes Jakobs, damit er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln!‘

Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem. Er wird unter großen Völkern richten und viele Heiden zurechtweisen in fernen Ländern. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Kein Volk wird gegen das andere das Schwert erheben, und sie werden fortan nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.
Denn der Mund des Herrn Zebaot hat es geredet.“ (Mi 4, 1-4)

Zusammenfassung:
Es ist ohne Bedeutung, ob die Ukraine Teil der NATO oder der EU ist, wenn es darum geht, ihr unsere volle Unterstützung gegen die russische Aggression zu gewähren.

Die NATO kann nicht so handeln, wie es menschlich geboten wäre, da sie die Gesamtsituation im Auge behalten muss und Rücksicht darauf nehmen muss, dass der Krieg nicht in einer nuklearen Katastrophe endet.

Wir können als Staaten nicht handeln wie die Einzelperson Jesus, der mit seiner Gewaltlosigkeit die Liebe Gottes verkörpert hat, und dafür mit seinem Tod am Kreuz bezahlt hat.

Den Traum der Friedensbewegung, das Friedensreich Gottes durch einseitiges Abrüsten zu verwirklichen, ist naiv. Gottes Reich auf Erden ist in Jesus zwar angebrochen, aber noch nicht erfüllt. Ob sich dieser paradiesische Zustand im Diesseits, so wie es der Prophet meint, oder erst im Jenseits, erfüllt, bleibt offen. (Volker Schunck)

Volker

I am Volker Schunck and live in Dresden, Germany. First I was an industrial clerk, then I studied theology. Through my engagement with Zen, I became aware of the Christian mysticism. Meanwhile, I go my own way. For me, faith is not a world-view but a being. It is important to me, not to live lost in thought but aware and intensely. For me, this also includes careful handling of other people. The NVC (Nonviolent Communication), which I learned during my training as a mediator, helps me with this.

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